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An den Grenzen entlang der Osttürkei führte die zehntägige ökumenische Bildungs- und Begegnungsreise, die die Seelsorgeeinheit „Oberes Murrtal“ unter Martin Stierand organisiert hatte: Armenien, Iran, Irak und Syrien. An Ostermontag starteten die fünfundzwanzig Teilnehmer mit Reiseleitern Dr. Georg Röwekamp, Geschäftsführer von „Biblische Reisen“ und der türkische Reiseführer aus Izmir, Hassan Gülböl, um die Schätze des kulturellen Reichtums der Ostürkei zu bestaunen.
Ein wichtiger Schwerpunkt waren dabei die christlichen Traditionen, die dort zum Teil noch in wunderschönen Bauwerken präsent sind, besonders aber auch die Begegnungen mit den (letzten!) dort noch lebenden Christen, die unter Repressalien zu leiden haben.
Die Reise startete in Trabzon, am Schwarzen Meer, wo die Hagia Sophia als leuchtendes Beispiel der byzanthinischen Epoche mit ihren Freskenzyklen aufwartete und das Sumela-Kloster, hoch in die Felswand der ersten Pontischen Bergkette „geklebt“, den ganzen bildnerischen und spirituellen Reichtum dieser griechisch-orthodoxen Zeit entfaltet. Nach Jahrzehnten konnte im Jahre 2010 zum ersten Mal wieder ein griechisch-orthodoxer Gottesdienst in diesem Kloster gefeiert werden. Die anschließende Fahrt durchs Pontische Gebirge erlaubte atemberaubende Ausblicke in die Natur, die sich auf den Höhen noch mit Neuschnee präsentierte. Überhaupt wurden die Natureindrücke zu einem weiteren wesentlichen Merkmal dieser Reise, denn auf der Fahrt bis Nusaybin und Diyarbakir wurden sehr verschiedene Klima und Landschaftszonen bereist.
Über den Kop-Pass ging es so auf die Hochebene nach Erzurum, das rings von Bergen umgeben liegt, zur ehemals bedeutenden muslimischen Hochschule, der Cifte Minare Medrese und der altehrwürdigen aus Basaltblöcken errichteten Ulu Camii. Gegen Mittag kam die Gruppe dann in Ani an, heute noch ein imposantes, wunderbar gelegenes Ruinenfeld, ehemals aber die prächtige Hauptstadt Armeniens mit „tausend Kirchen“ von denen noch einige Exemplare den Atem Armeniens verströmen. Leider gibt es weder hier, noch im nahe gelegenen Kars, keine christlichen Gemeinden mehr. Als die Reisegruppe in Kars ankam, konnte sie jedoch Zeuge sein, wie gerade das türkisch-armenische „Freundschafts-Denkmal“ auf Geheiß von Ministerpräsident Erdogan abgebaut wurde.
Die Fahrt am nächsten Tag führte durch bizarre Lavafelder am Fuße des „Berges der Schmerzen“ oder Noah-Berg , dem 5165m hohen Ararat, entlang. Ein unvergesslicher Anblick, wie er stolz und majestätisch aus der Ebene aufragt und sein weißes Haupt in den klaren blauen Himmel erhebt. Die Weiterfahrt führte zum „schönsten türkischen Schloss“, dem Ishak Pascha Sarayi bei Dogubeyazit, unmittelbar an der Grenze zu einem alten Pass gelegen, der in den Irak und Iran führte und schon von den Urartäern (im 8.Jhd. v. Chr.) kontrolliert wurde. An den im Abendlicht leuchtenden Wasserfällen von Muradiye vorbei ging es zum Van-See, an dem der Sonnenuntergang ausgiebig genossen werden konnte.
So unverbaut und natürlich sich dieser Vulkan-See dem Auge zeigt, so sehr bewegt die Anmut und Geschichte der auf der kleinen Ahtamar-Insel liegenden Hl-Kreuz-Kirche. Sie wurde im Jahre 921 vom armenischen König Gagik errichtet und kündet in beeindruckenden Halbreliefs auf ihrer Fassade vom Glauben ihrer Erbauer. Bis 1915 machten die Armenier in die Stadt Van etwa die Hälfte der Bevölkerung aus. Seit der Vertreibung der Armenier und Genozid im Jahre 1915 leben in der historisch stark armenisch geprägten Van keine Angehörigen dieser Volksgruppe mehr. Nach Angaben eines örtlichen Reiseführers leben immer noch einzelne Armenier in Van, die aus Angst zum Islam konvertiert sind. Nach 105 Jahren durfte, nach zähem Ringen in der Heiligkreuz-Patriarchatskathedrale am 19. September 2010 wieder einmal ein Gottesdienst abgehalten werden, ein „Privileg“, das sich nun jährlich einmal wiederholen „darf“. Weil die Reisegruppe aber nicht genau an diesem Tag ankam, sollte sie die Kirche als Museum betrachten; eine Vorstellung, die die türkische Regierung generell von christlichen Kirchen hat. Glücklicherweise kam die Gruppe so früh an, dass sie ungestört ein Morgenloblied anstimmen konnte. Als dann später der „Museums-Wächter“ ankam, machte er unmissverständlich klar: Singen (und beten und Gottesdienst-Feiern sowieso) ist verboten! Nach einem Gespräch mit ihm stellte sich heraus, dass „auch er eine armenische Großmutter gehabt habe, so wie viele hier in der Gegend. Aber er müsse halt die gegenwärtige Staatsorder befolgen, sonst käme er selbst in Bedrängnis, denn jeder könne ihn bei Nicht-Befolgung anzeigen“.
Vielleicht waren es die auf der Insel in überreicher Blüte stehenden Mandelbäume, die eine andere Botschaft verkündeten: Religionsfreiheit ist nicht teilbar, sie gilt für alle und überall. Die Vernichtungspolitik der Jungtürken bezog sich besonders auch auf die Christen; bis heute zeigt der türkische Staat keine Reue und legt kein Bekenntnis ab für diese schrecklichen Ereignisse am Anfang des 20. Jahrhunderts. Doch Ignorieren ist keine Lösung und führt zu keinem Frieden zwischen den betroffenen Minderheiten, der Armenier, Pontosgriechen und Aramäer (Syrer).
Die auf einen Bergsporn unter den Urartäern am Ostufer des Van-Sees kühn errichtete Bergfestung und Hauptstadt Tuspa erzählte wieder eine ganz andere Geschichte: die Bedeutung dieses biblischen Volkes, das seine Macht bis weit ins Gebiet des heutigen Iran ausgedehnt hatte, bis es schließlich von den Assyrern besiegt wurde.
Diese Urartäer-Geschichte wurde am folgenden Tag nochmals vertieft durch die Besichtigung der Bergfeste von Cavustepe, wo sich der örtliche „Aufpasser“ als Keilschriftexperte entpuppte und die Gruppe mit seinem besonderen Wissen in seinen Bann schlug…Keilschrift-Inschriften entziffert wurden und über 2 700 Jahre alte Weizenkörner von Hand zu Hand gingen. Über Tatvan wurde am gleichen Tag noch Batman erreicht, eine aufstrebende Stadt inmitten der größten Erdölvorkommen der Türkei. Doch weder von den Förderanlagen noch von der Petrochemie bekam die Reisegruppe viel mit, denn das Hotel befand sich abseits davon und imponierte durch seine Thermalquellen, die ausgiebig genutzt wurden: eine gute Möglichkeit der Entspannung nach langer Fahrt.
Am nächsten Tag wurde dann mit der schön am Tigris gelegenen eindrucksvollsten mittelalterlichen Stadt Hasankeyf („Hesno d´Kifo) der Tur Abdin („Berg der Diener Gottes“) erreicht, das kleine Gebiet, in dem die letzten westsyrisch-orthodoxen Christen leben. Es sind etwa noch 3000 christliche Aramäer im Tur Abdin (und weitere 15.000 in Istanbul, Ankara und Adiyaman). Nun war die Zeit von Aslan Demir gekommen, der vom Reiseteilnehmer zum Reiseleiter wurde, denn er wurde im Tur Abdin geboren und spricht die nur dort lebendige neu-aramäische Sprache, das Turoyo, fließend und kennt alle christlichen Gemeinden und Gemeindeleiter persönlich. Dies öffnete in den restlichen drei Tagen der Reise ungeahnte Gesprächs- und Begegnungsmöglichkeiten mit den letzten (?!) dort noch lebenden Christen. Bei aller Schönheit, die alle besuchten Kirchen und Klöster ausmachten („Auslands-Aramäer“ und europäische Christen spenden nicht wenig für Renovierungs-maßnahmen) wurden nun in allen Gesprächen auch die Repressalien deutlich, die sie durch administrative Schikanen der Behörden und Feindseligkeiten der andersgläubigen „Nachbarschaft“ erdulden.
Unsere Gruppe erlebte hautnah einen Polizeieinsatz, bei dem es darum ging, dass kurz zuvor ein aramäischer Christ, im neu besiedelten Rückkehrer- Dorf Kafro, von einem kurdischen Viehirten angeschossen worden war. Deshalb wandern dann auch viele aus, was natürlich dann die „Rest“-Gemeinden bzw das Rest-“Kloster“ schwächt. In vielen christliche Dörfern und Städten, die wir besucht hatten (Hasankeyf, Hah, Midyat, Nusaybin, Marbobo, Kafro, Kloster Mor Gabriel, Mardin, Kloster Der Zafaran und Diyarbakir) konnten wir anhand der zerstörten, wertvollen Kirchen und Klöster aber auch anhand der verschwindenden Zahl der Christen, die starke Vertreibung und Dezimierung der christlich-armäischen Urbewohner deutlich spüren. Umso beeindruckender nun aber die, die bleiben: Die Gemeinde der Marienkirche von Hah mit Gemeindeleiter und Dorfvorsteher, Habib Dogan, der Mönch Yoken Unval der wieder das Kloster Deir Mar Augen (aus dem 4. Jhd.) bewohnt, der Abt vom Kloster Mor Gabriel und Erzbischof von Tur Abdin, Timotheos Samuel Aktas, der gegen die Landenteignung seines Klosters einen mühsamen und fast aussichtslosen Kampf gegen den türkischen Staat führt.
Dort wo keine Christen mehr leben (z.B. Trabzon, Kloster Sumela oder Kreuzeskloster auf der Insel Ahtamar) zeigt die türkische Regierung der Weltöffentlichkeit wie „tolerant“ sie ist gegenüber ihre Minderheiten, indem sie „ihre“ Klöster nach einhundert Jahren zu einem (!) jährlichen Gottesdienst zur Verfügung stellt. Dort, wo syrisch-aramäische Christen leben und ihre Klöster und Dörfer noch intakt sind und das Christentum lebendig ist, werden ihre Rechte eingeschränkt und ihr tausendjähriges Eigentum staatlich eingezogen und ihnen damit eine Existenzgrundlage entzogen.
In Diyarbakir, der Kurdenmetropole, hält der Priester der Marienkirche, Yusuf Akbulut mit seiner eigenen Familie und noch einmal vier Familien, aus. Ihre Freiheit besteht in einem Hof, der von einer übermannshohen Mauer beschützt wird; gegenüber der Pforte eine Überwachungskamera: zum Schutz!
Alle die besuchten Christen haben sich, nicht zuletzt durch die Vermittlung von Aslan Demir, der Reisegruppe geöffnet, diese sehr gastfreundlich aufgenommen und schließlich von ihrem Leben im Alltag und von ihrem Zeugnis als Christen erzählt. Es sind besonders diese kostbaren Begegnungen, die wir Deutschen mit nach Hause nehmen, in ein Land, wo Religionsfreiheit selbstverständlich ist.
Und als Fragen bringen wir auch mit: Was können wir dazu beitragen, dass die christlich aramäische Minderheit vor allem im Tur Abdin weiterhin bestehen bleibt? Wie können wir hier dafür eintreten, dass Religionsfreiheit und Minderheitenrechte in der Türkei eingehalten werden?
Nach Eindruck der Reisegruppe ist es ist höchste Zeit, dass die türkische Regierung nicht nur Versprechungen gibt, sondern Taten zeigt und es wird erwartet, dass die türkisch-muslimische Verbände in Deutschland und Regierungsbeauftragte sich für die Religionsfreiheit der Christen in der Türkei einzusetzen.
Danke an Martin Stierand für seinen Reisebericht
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